Du möchtest die Cookies auf einer Website eigentlich nur ablehnen, aber der Button dafür ist einfach nicht zu finden. Kennst du das? Das ist kein Zufall. Genau dafür wurde die Seite so gebaut.

Auf drei Seiten meiner eigenen Website findest du eine meiner Leitlinien: „Kein Druck, keine Dark Patterns". Bisher stand da nie, was ich damit eigentlich meine. Das hole ich jetzt nach.

Dark Patterns sollen dich zu etwas bringen, was du eigentlich nicht willst. Ein zu kleiner Ablehnen-Button, ein Warenkorb mit einem Artikel, den du nie ausgewählt hast, ein Kündigungsprozess mit fünf Zwischenschritten. Die Tricks sehen unterschiedlich aus. Das Prinzip dahinter ist immer gleich: Dein Klick zählt mehr als deine Entscheidung.

In diesem Artikel zeige ich dir die sieben häufigsten Dark Patterns, jeweils mit einem Mini-Beispiel zum Ausprobieren. Du kannst live hin- und herschalten zwischen der manipulativen Version und einer ehrlichen Alternative, die genauso gut funktioniert. Falls du generell an typischen Fehlern in Sachen Nutzerführung interessiert bist, habe ich dazu auch schon die 3 häufigsten UX-Fehler gesammelt.

Was sind Dark Patterns?

Der Begriff kommt von Harry Brignull, einem britischen UX-Forscher (einem Fachmann, der untersucht, wie Menschen digitale Produkte nutzen). Er hat ihn 2010 geprägt und dafür eine eigene Website gestartet, ursprünglich unter darkpatterns.org, heute unter deceptive.design. Der neue Name ist kein Zufall. „Dark" klang für viele so, als wäre die Absicht Nebensache. Sie ist es definitiv nicht.

Ein Dark Pattern ist eine bewusste Design-Entscheidung, die dich zu einer Handlung bewegt, die eher dem Unternehmen nützt als dir. Nicht jeder Trick ist illegal. Aber jeder funktioniert nach demselben Muster: Er nutzt aus, wie Menschen entscheiden, wenn sie es eilig haben, müde sind oder einfach nur schnell fertig werden wollen. Es nutzt also genau die Zustände aus, in denen wir verletzlich sind.

Flat-Illustration einer Hand, die auf einen großen gelben Button klickt, während ein kleiner Button im Schatten kaum sichtbar ist, blau-gelber Stil mit geometrischem Hintergrund

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Warum Unternehmen trotzdem darauf setzen

Das ist ganz einfach: Sie funktionieren. Zumindest kurzfristig. Ein Dark Pattern entsteht selten, weil eine Designerin morgens aufwacht und Nutzer:innen manipulieren oder ärgern will. Es entsteht, wenn jemand aus dem Management sagt: „Die Abbruchrate im Checkout ist zu hoch, fix das." Und „fixen" heißt dann oft: die Ablehnen-Option kleiner machen, einen Rabatt-Timer einbauen, die Versicherung schon vorausgewählt lassen. Hauptsache die Zahlen in den Statistiken sehen besser aus als zuvor.

Kurzfristig steigt die Conversion-Rate, also der Anteil der Besucher:innen, die tatsächlich kaufen oder sich anmelden. Mittelfristig zahlst du (und oft auch das ganze Unternehmen ) dafür einen Preis, den kein Dashboard direkt anzeigt: Vertrauen. Dazu gleich mehr, mit Zahlen.

7 Dark Patterns Beispiele zum Ausprobieren

Bei jedem Beispiel unten kannst du zwischen der Dark-Pattern-Version und einer ehrlichen Alternative hin- und herschalten. Probier es aus. Der Unterschied ist oft kleiner, aber dafür wichtiger, als du denkst. Manchmal reicht eine einzige Design-Entscheidung, um aus Manipulation Ehrlichkeit zu machen.

Sneak into Basket: der Artikel, den du nie ausgewählt hast

Du legst ein Produkt in den Warenkorb. Beim Bezahlen liegen plötzlich zwei drin. Der zweite Artikel, meistens eine Versicherung oder ein Zubehörteil, wurde automatisch mitgebucht. Du musst ihn aktiv wieder entfernen, wenn du ihn nicht willst.

Sneak into Basket
Protein-Pulver Vanille24,90 €
Warenkorb2
Protein-Pulver Vanille24,90 €
Versicherung Sportnahrung (automatisch hinzugefügt)2,99 €

Du hast ein Produkt in den Warenkorb gelegt. Im Warenkorb liegen plötzlich zwei, weil ein Zusatzartikel automatisch mit reingerutscht ist.

Die ehrliche Version zeigt genau denselben Zusatzartikel. Nur eben als Checkbox zum aktiven Ankreuzen statt als stillen Mitfahrer im Warenkorb.

Confirmshaming: Scham als Verkaufsargument

Confirmshaming setzt nicht auf Verstecken, sondern auf Gefühle. Der Zustimmen-Button ist groß und freundlich formuliert. Der Ablehnen-Link daneben ist winzig und so geschrieben, dass du dich schlecht fühlst, wenn du ihn anklickst: „Nein danke, ich zahle lieber den vollen Preis."

Confirmshaming

Bevor du gehst...

Sichere dir 20% Rabatt auf deine erste Bestellung.

Zustimmen ist ein großer, freundlicher Button. Ablehnen ist ein winziger Link, der dich vorher beschämt: Du zahlst angeblich lieber den vollen Preis.

In der ehrlichen Version sind beide Optionen gleich groß und neutral formuliert. Ablehnen ist genauso leicht wie Zustimmen, ganz ohne Schuldgefühl.

Künstliche Verknappung: der Timer, der nie wirklich abläuft

Ein Countdown, der herunterzählt, wirkt wie ein echtes Zeitlimit. Bei vielen Shops ist er das nicht. Warte den Timer ab oder lade die Seite neu. Du siehst wieder dieselben Minuten wie vorher.

Künstliche Verknappung
Angebot endet in
4:58

Nur noch 2 auf Lager!

Der Timer läuft ab und viele Shops setzen ihn danach einfach zurück. Warte oder lade die Seite neu, und du siehst wieder 4:58.

Ein festes Datum lässt sich dagegen nachprüfen. Ein Timer, der sich nach Ablauf einfach zurücksetzt, ist ein Trick, kein echtes Limit.

Seit der DSGVO fragt fast jede Website nach deinen Cookie-Einstellungen. Häufig gibt es nur eine offensichtliche, groß hervorgehobene Antwort: „Alle akzeptieren." Die Möglichkeit, alles abzulehnen, ist so klein oder so tief in „Einstellungen" versteckt, dass sie sich kaum vom Fließtext unterscheidet.

Cookie-Consent-Trick
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Zustimmen ist ein Klick entfernt. Ablehnen ist hinter „Einstellungen“ versteckt und über mehrere Klicks erreichbar.

In der ehrlichen Version sind beide Buttons gleich groß und gleich schnell erreichbar. Der Digital Services Act schreibt genau das inzwischen vor, mehr dazu weiter unten.

Nagging: die Frage, die nie aufhört

Du klickst „Nicht jetzt" auf eine Benachrichtigungs-Anfrage. Kurz darauf ist Ruhe. Dann taucht dieselbe Frage wieder auf. Und wieder, bis du entweder zustimmst oder die App aus reiner Erschöpfung schließt. Instagram machte genau das 2018 monatelang mit der Aufforderung, Benachrichtigungen einzuschalten. „Nicht jetzt" war die einzige Ablehnoption. Sie hielt nie lange vor.

Nagging

Aktiviere Benachrichtigungen

Verpasse keine Neuigkeiten mehr.

Schon 1. Mal gefragt

Ein Klick auf „Nicht jetzt“ schließt das Fenster nur kurz. Instagram fragte 2018 monatelang immer wieder nach, bis Nutzer:innen nachgaben, dokumentiert auf deceptive.design.

In der ehrlichen Version bedeutet „Nicht jetzt" tatsächlich nicht jetzt. Keine Wiederholung nach 30 Sekunden.

Roach Motel: die Kündigungsspirale

Der Name kommt aus der Werbung für Kakerlakenfallen: leicht reinkommen, schwer wieder raus. Ein Konto erstellst du mit einem Klick. Für die Kündigung brauchst du plötzlich vier Schritte, eine Umfrage zum Warum und ein Rabatt-Angebot, das dich umstimmen soll.

Roach Motel

Anmelden

  1. 1Konto erstellen

1 Schritt

Kündigen

  1. 1Kündigen anklicken
  2. 2"Warum kündigst du?" beantworten
  3. 3Rabatt-Angebot ablehnen
  4. 4Per E-Mail bestätigen

4 Schritte

Ein Konto erstellst du in einem Klick. Zum Kündigen brauchst du vier Schritte, eine Umfrage und ein Extra-Angebot, das dich umstimmen soll.

Kündigen ist in der ehrlichen Version genauso einfach wie Anmelden. Ein Klick, fertig, keine Rückhalteschleife.

Dahinter steckt ein einfaches Prinzip: Wie leicht du deine Daten oder dein Konto mitnehmen kannst, wenn du gehst, nennt man die Wechselkosten. Die Banking-App Lunar hält sie bewusst niedrig. Du kannst dein bestehendes Konto bei einer anderen Bank direkt einbinden, statt zwingend ein komplett neues Konto zu eröffnen.

Versteckte Kosten: der Preis wächst erst beim Bezahlen

Der Preis, mit dem du eingestiegen bist, bleibt selten der Preis, den du am Ende zahlst. Bearbeitungsgebühr, Service-Pauschale, manchmal beides. Jede Extra-Kostenzeile taucht einzeln auf, kurz bevor du sowieso schon investiert bist und nicht mehr abbrechen willst.

Versteckte Kosten
Artikelpreis49,00 €
+ Bearbeitungsgebühr6,99 €
+ Service-Pauschale4,50 €
Gesamt60,49 €

Der Preis, mit dem du eingestiegen bist, wächst erst kurz vor dem Bezahlen. Jede Extra-Gebühr taucht einzeln auf, wenn du schon investiert bist.

Der ehrliche Endpreis steht von Anfang an fest. Keine Überraschung im letzten Schritt vor dem Bezahlen.

Flat-Illustration eines ansteigenden Balkendiagramms, das von einer Hand von unten nach oben gedrückt wird, blau-gelber Stil mit geometrischem Hintergrund

So teuer wird Vertrauen, das du verspielst

Kurzfristig gewinnst du vielleicht ein paar Prozent mehr Anmeldungen. Langfristig zahlst du drauf. Und das messbar.

Der britische UX-Berater Simon Shaw hat 2019 2.102 Erwachsene in Großbritannien befragt, wie sie auf typische Dark-Pattern-Botschaften auf Hotelbuchungsseiten reagieren. Also künstliche Verknappung oder Aktivitätsmeldungen anderer Nutzer. Das Ergebnis: 49 Prozent gaben an, der Website danach weniger zu vertrauen. 34 Prozent beschrieben eine spürbar negative emotionale Reaktion, mit Worten wie „Ekel" und „Verachtung".

Die EU-Kommission hat das nicht nur befragt, sondern nachgemessen. Bei einer Prüfung von 399 Online-Shops im Januar 2023 fanden die Behörden bei 148 Shops, also fast 40 Prozent, mindestens eines von drei geprüften Dark Patterns: gefälschte Countdown-Timer, irreführende Formulierungen oder versteckte Informationen.

Und es kann richtig teuer werden. Die französische Datenschutzbehörde CNIL verhängte 2022 ein Bußgeld von 150 Millionen Euro gegen Google und 60 Millionen Euro gegen Facebook. Der Grund: Cookies ablehnen war bei beiden Unternehmen deutlich schwerer als zustimmen.

Ach, und wenn man als Unternehmen eine Sache nicht will, dann ist es „Ekel" und „Verachtung" in Kunden hervorzurufen.

Hinweis

Auf allen drei Landingpages, auf denen ich mit „kein Druck, keine Dark Patterns" werbe, meine ich genau diese Liste. Kein vorausgewähltes Häkchen, kein Fake-Timer, keine Kündigungsspirale, keine manipulativen Techniken im Gespräch, keine nervigen Banner, etc.

Flat-Illustration eines zerbrechenden Schildsymbols in blau-gelbem Stil mit geometrischem Hintergrund

Sind Dark Patterns in Deutschland und der EU illegal?

Jein. Die Grauzone schrumpft gerade. Der Digital Services Act (DSA), ein EU-Gesetz für Online-Plattformen, verbietet Dark Patterns explizit seit August 2023: aggressive Pop-ups als auch verwirrende oder irreführende Zustimmungs-Buttons sind seitdem eigentlich untersagt.

Die Durchsetzung bleibt trotzdem lückenhaft. Der Verbraucherzentrale Bundesverband prüfte drei Monate nach Start des DSA mehrere große Plattformen und fand (surprise, surprise): Alle untersuchten Anbieter setzten weiterhin Dark Patterns ein.

Warum? Na, weil man das Management mit besseren Zahlen einfach glücklicher macht...

Neben dem DSA greifen in Deutschland zwei weitere Gesetze. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verlangt, dass eine Einwilligung in die Datenverarbeitung freiwillig und ohne Zwang erfolgt. Ein vorausgewähltes Häkchen bei der Cookie-Zustimmung reicht dafür nicht aus. Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) verbietet unlautere Geschäftspraktiken, die eine informierte Kaufentscheidung verhindern.

Für dich als Website-Betreiber:in heißt das: Selbst wenn ein Trick noch nicht explizit verboten ist, bewegst du dich in einer Grauzone, die mit jedem neuen Gesetz enger wird. Und die 150 Millionen Euro von Google sind kein Trost. Eine UWG-Abmahnung trifft auch einen kleinen Online-Shop, nicht nur Konzerne.

So findest du Dark Patterns auf deiner eigenen Website

Du musst nicht auf eine Abmahnung warten, um das selbst zu prüfen. Fünf Fragen reichen für einen ersten Check.

  1. Ist „Ablehnen" im Cookie-Banner genauso groß und genauso schnell erreichbar wie „Akzeptieren"?
  2. Liegt im Warenkorb beim Bezahlen exakt das drin, was ausgewählt wurde, ohne vorausgewählte Zusatzartikel?
  3. Braucht das Kündigen genauso viele Klicks wie die Anmeldung?
  4. Steht der Endpreis von Anfang an fest, oder wachsen die Kosten erst im letzten Schritt?
  5. Verschwindet ein Rabatt-Timer wirklich nach Ablauf, oder taucht er beim nächsten Seitenaufruf wieder auf?

Wenn du bei einer Frage zögerst, lohnt sich ein genauerer Blick. Mein kostenloser Website-Check deckt technische und strukturelle Probleme ab. Für eine gezielte UX-Prüfung auf genau diese Muster bin ich als UX-Freelancer in Berlin der richtige Ansprechpartner.

Flat-Illustration einer Lupe über einem abstrakten Website-Layout in blau-gelbem Stil mit geometrischem Hintergrund